Warum ich das gepostet habe

Aachen, 27. Mai 2016. – Vielen Dank für die vielen lieben Reaktionen auf meinen Blogbeitrag von letzter Nacht. Ich weiß, dass der Artikel auch verstören kann. Deshalb eine Ergänzung: Ich selbst war auch schon in der Situation, dass ich nicht gehandelt habe als ich in einem anderen Fall etwas beobachtet habe, und das trotz meiner eigenen Erlebnisse. Das tut auch mir weh. Insofern verzeihe ich jedem.

Ich möchte aber nun dafür sensibilisieren, dass es gerade im strafrechtlich nicht relevanten Bereich der sexualisierten Gewalt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten gilt. Hier fehlt den Tätern beinah grundsätzlich das Schuldbewusstsein, lassen sich ihre Handlungen doch in der Regel verharmlosen: „Das war doch nur ein kleiner Kuss auf die Wange“ oder so.

Gerade das ist dann das Problem für das Opfer. Es kann das unangenehme Gefühl nicht einordnen. Das Opfer ist oft der einzige, der die Handlung als Grenzüberschreitung empfindet. Und das Opfer kann das deshalb in der Regel nicht artikulieren. Einmal weil es z. B. noch ein Kind ist (aber zunehmend sind auch ältere, hilflose Menschen betroffen!), einmal, weil es kaum Gehör findet. Von acht Kindern, die versuchen sich zu äußern (in meinem Fall zum Beispiel mit „der hat so fiesen Mundgeruch“) wird nur eins tatsächlich ernstgenommen!

Damit wir uns richtig verstehen: Die ganze Chose fängt schon mit gelegentlichen Grenzüberschreitungen an (ungefragt ins Bad gehen, über die körperliche Entwicklung der eigenen Kinder in deren Beisein mit Fremden sprechen, Zärtlichkeit aufzwingen, eine körperliche Geste einfordern – „Krieg ich keinen Kuss?“ – etc.). Bereits hier gilt es achtsam und wachsam zu sein, auch wenn das in der Regel von den Betroffenen gut verarbeitet werden kann, solange es Einzelfälle bleiben.

Wenn sich diese Handlungen aber über Jahre wiederholen, wie in meinem Fall, entsteht ein Teufelskreislauf, aus dem gerade stille, zurückhaltende Menschen kaum ausbrechen können. Man fühlt sich gefangen, gesteuert, manipuliert. Oder man hat einfach das Gefühl, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt. Oder man lebt in ständiger Angst, es könne noch mehr passieren. Angst vor tatsächlichem sexuellen Missbrauch. Das kann für das Opfer ähnlich verheerende psychische Folgen haben wie eine explizit erlittene Vergewaltigung.

Meine Geschichte ist nur exemplarisch! Ich bin nicht der einzige. Kürzlich konnte ich mich mit einer Freundin austauschen, die Vergleichbares erlebt hat. Und allein unter den Menschen, die sich in den fünfzehn Stunden seit Veröffentlichung meines Artikels über die unterschiedlichsten Kanäle bei mir gemeldet haben, sind drei weitere, die sich mir gegenüber mit ähnlichen Geschichten geoutet haben!

Bleibt also bitte wachsam! Wo immer ihr etwas beobachtet, das euch komisch vorkommt, greift ein! Sprecht den Betroffenen auf dessen Empfindungen an. Holt euch ggf. professionelle Hilfe dazu. Und wenn sich ein Kind euch anvertraut und mit seinen Worten äußert, hört zu! Nehmt es ernst. Bitte seid auch selbst vorsichtig: Gebt den Kindern die Zärtlichkeit, sie diese selbst suchen. Aber nie mehr! Und seht in ihnen nicht die, die euren Bedarf an Zärtlichkeit befriedigen sollen. Nein! Macht sie stark! Macht sie zu selbstbewussten Menschen, die nein sagen können. Denn an die gehen die Täter nicht ran.

Es muss jetzt endlich einmal raus

Aachen, 27. Mai 2016. – So, es muss jetzt endlich einmal raus. Viele nahe Bekannte wissen es schon. Aber es arbeitet in mir. Sehr. Deshalb will ich es nun öffentlich machen.

Ich bin Opfer sexualisierter Gewalt.

Vor zwei Jahren, am 19. Februar, musste ich ein Präventionsseminar zu sexualisierter Gewalt absolvieren. Vieles schien banal bei der Schulung. Doch dann, dann wurden Täterprofile beschrieben. Und anschließend Opferprofile. Und bei letzterem dämmerte es mir: Ich bin gemeint. Ich erkannte mich. Und dank ersterem verstand ich plötzlich in den zweieinhalb Stunden an diesem einen Abend, was mir sage und schreibe zwei, drei Jahrzehnte verborgen blieb.

Ich habe es vor mir selbst verborgen, mich irgendwie zu schützen versucht. Intuitiv. Ohne nachzudenken. Ohne zu hinterfragen. Doch an jenem Abend fiel die Kulisse in sich zusammen. Ich fuhr weinend nach Hause. War außer mir. Ich hatte erkannt, was mit mir geschehen ist. Was mit mir gemacht worden ist.

Es gibt diesen Mann, der seine Position, seine Macht in der Öffentlichkeit, seinen guten Leumund, seine Beliebtheit missbraucht hat, um mich zu gebrauchen. Über ein Jahrzehnt lang – so zwischen 9 und 19 – hat er seine Spielchen mit mir getrieben. Strafrechtlich relevant war es nicht. Aber das macht es nicht besser. Sexuelle Übergriffe über einen sehr langen Zeitraum – und dazu zählt auch ungewolltes Küssen – sind nicht harmloser als Vergewaltigung. Sie sind genauso Machtspiel, Persönlichkeitsverachtung und Verletzung der Seele. Sie sind genauso Gewalt gegen Menschen. Gewalt gegen mich. Gewalt gegen all das, was ich verkörpere.

Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, das Sich-selbst-in-der-Verantwortung-Sehen, die Ohnmacht, die kompensatorische Verharmlosung, irgendwie damit klarzukommen, ja, das Verdrängen über ein halbes Leben hinweg, der Unglaube, so etwas könnte tatsächlich relevant sein, der Glaube, dass das alles von keiner Bedeutung ist, die Zweifel an mir selbst, meine Ängste, all das sind Resultate dieser Verletzung.

Er ist perfide vorgegangen, dieser Mann. Subtil, unauffällig, beinah selbstverständlich. Gedeckt von der Öffentlichkeit. Eine Öffentlichkeit, die sich sehr gern heilig gibt. Scheinheilig. Warum, zum Teufel, hat keiner von euch etwas gesagt? Laut! Das Wort ergriffen? Nein, es wurde getuschelt. Damals. Heute. Bis heute gibt es Gerüchte! Über ihn. Das wisst ihr. Ihr kennt die Gerüchte. Ich sage euch: Es sind keine Gerüchte. Es ist. Es gibt Aussagen über diesen Mann à la „Wenn der mal zehn Jahre tot ist, dann kann ich Ihnen etwas erzählen.“ Hallo? Und ich sage auch: Alle, die mich damals in den Achtzigern kannten, wissen, von wem ich spreche. Ich stelle ihn nicht an den Pranger. Er ist einfach eine ziemlich arme Sau. Ich wünschte mir vielmehr eine Gesellschaft, die behutsam ist, eine, die wachsam ist, eine die fürsorglich ist. Und nicht eine, die unter dem Deckmantel der Moral verlogen ist. Ja. Ihr hättet etwas sagen können. Müssen. Ich war ein Kind!

Und ja, verzeiht: Ich bin wütend. Immer noch. Oder mehr denn je.

Denn wenn dieselben Leute dann heute sagen, der Thomas, der ist bestimmt schwul, dann wird es grenzwertig. Dann wird es peinlich. Dann wird es – mit Verlaub – lächerlich. (Haha, wie viele von euch haben jetzt eigentlich auf Grund der Überschrift diesen Artikel angeklickt?) Nein, dieser Thomas ist nicht homosexuell, dieser Thomas ist keine Übertragung. Ich bin so etwas von hetero. Aber zugegeben, ich bin scheiße romantisch. Von mir aus gern ein Mann von der weichen Sorte. Und sorry, ich bin so was von auf der Suche nach dem Glück. Nach Angenommensein. (Und ja, es hat tatsächlich genau so etwas gegeben, wenn auch nicht von Dauer, leider.) Dieser Thomas hat einfach, verdammt noch mal, mit sich zu kämpfen. Mit sich. Mit dieser seiner Geschichte. Mit seiner Verletzung. Mit genau dieser Erfahrung. Und gleichzeitig mit seinen Träumen und Hoffnungen. Und immer wieder mit der Frage, warum: Warum tut einem ein Mensch so etwas an? Und warum, echt jetzt, sagt keiner was?

Das wünsche ich mir: Dass wir aufstehen, wenn wir Unrecht sehen!

PS: Unter den Lesern dieses Blogs gibt es bestimmt Geschäftspartner, Theaterkollegen und Freunde von mir. Es ist sicher nicht üblich, in dieser Form offen und öffentlich über derlei Erfahrungen zu sprechen. Euch allen sei gesagt: Ich bin gern auf dieser Welt und habe meinen Platz als PR-Dienstleister, Regisseur und euer Freund gefunden. Ich mache all das mit Liebe, bin für euch da und mit mir selbst im Reinen. Ich will nicht bedauert oder umsorgt werden. Ich weiß, wer ich bin, aber eben auch, woher ich komme und wie ich der geworden bin, der ich bin als der, den ihr kennt. Ich weiß auch, dass wir alle unsere jeweiligen Lasten mit uns herumtragen. Auch ihr. Dafür liebe ich euch umso mehr. Denn letztlich machen uns unsere Verletzungen erst zu dem, was wir sind: Menschen. Ich wünsche uns allen mehr Menschlichkeit.

 

Perfekter Quark

Aachen, 25. März 2016. – Ihr kennt doch Giovanni und Steffen. Vor ein paar Jahren, da traten die beiden einmal zusammen in einer Talkshow auf und gaben ein andermal der Galore ein Doppelinterview. Heute arbeiten sie in Hamburg bzw. Berlin. Aber früher, früher gingen sie in Hannover zum selben Gymnasium. Damals waren sie beide, hach, in Magdalene verliebt. Aber darum geht es mir heute nicht.

Vielmehr soll es sich um Wahrnehmung drehen. Die zwei Jungs hatten nämlich zu ihrer Oberstufenzeit ein Bild voneinander. Und ja, auch ein Bild von sich selbst, jeweils. (Okay, vielleicht auch eins von Magdalene – im Portemonnaie. Aber, wie gesagt, darum soll es ja nicht gehen!!!) Von eben diesen ihren Bildern erzählten sie, als sie über ihre gemeinsame Schulzeit plauderten:

„Er war erkennbar anders. Er stürzte sich nicht mit Verve in irgendwelche Cliquen“, sagt Steffen über Giovanni. „Das brauchte er nicht. Giovanni wirkte auf mich damals wie jemand, der schon sehr er selbst war.“ Und Steffen analysiert: „Damit war er ganz das Gegenteil von mir, ich war unsicher und suchte permanent nach Richtung und Anschluss.“ Klar, Giovanni war autark, aber Steffen verschreckt.

Giovanni erhebt jedoch belustigt Einspruch und äußert stattdessen über Steffen: „Er hat für mich komplett das Gegenteil ausgestrahlt. Alles gelang ihm spielend leicht, während ich mir alles mühsam erarbeiten musste.“ Echt, der Steffen war perfekt, nur Giovanni im Quark.

Was denn jetzt? Giovanni ist doch Giovanni und Steffen ist Steffen! Wie können Wahrnehmungen so diametral auseinanderdriften? War Giovanni nun autark oder im Quark? Ist Steffen perfekt oder doch verschreckt? Vor allem: Was hätte eigentlich Magdalene über die beiden zu sagen? Und wie war die überhaupt – außer toll?

Tja, so ist das mit der Wahrnehmung. Es gibt ihn eben, den Widerspruch, vor allem zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Jeder hat offensichtlich seine eigene Wahrheit: eine zementierte über sich und eine feststehende über sein Gegenüber. Man selbst ist zaudernd und hadernd, der andere hingegen sicher und gefestigt. Es soll auch den umgekehrten Fall geben … Ist beides unklug.

Denn eine subjektive Wahrnehmung ist noch lange nicht die objektive Wahrheit. Die liegt nämlich, wie so oft, im Dazwischen und im Sowohl-als-auch – oder sogar ganz woanders: Wahrscheinlich geht sie über die Vereinigungsmenge aller Wahrnehmungen hinaus. Doch da kommen wir mit unserer Beschränktheit nicht so schnell hin.

Was also tun?

Variante 1: Erzählen wir uns voneinander und unseren Wahrnehmungen. Wir werden überrascht sein, was der andere in uns sieht, und unbekannte Facetten an und in uns entdecken. Und genauso der andere.

Variante 2: Stehen wir dazu, dass wir perfekt verschreckt autark im Quark sind. Dann würde es vielleicht auch endlich mit uns und Magdalene klappen. Vorausgesetzt, sie würde das ebenfalls tun 😉

Variante 3: Probieren wir einfach beides.

Das Universum in einer Schublade

Aachen, 19. März 2016. – Die Möbelindustrie hat etwas äußerst Praktisches erfunden: Schubladen. Herrlich, wie diese Kisten ohne Deckel in größeren Holzkonstruktionen verschwinden und – schwups – ihre Inhalte vor der Außenwelt verbergen. Was da alles seinen Platz hat! Und wer ein wenig Ordnung in seinen Haushalt bringen will, der gibt diesen Schubladen Namen, die über den Inhalt Auskunft geben. Allen voran die „Besteckschublade“.

Sie gibt es auch in meinem Reich, sogar doppelt – die zweite ist ein paar Etagen tiefer gelegen und heißt „Ersatzbesteckschublade“ (mit ollen Erbstücken und Plastikvarianten, die nur im Not- oder Spezialfall zum Einsatz kommen). Daneben gibt es die „Winterschublade“ mit Mütze, Schal und Handschuhen; außerdem die „Karnevalsschublade“ mit Relikten aus meiner jecken Vergangenheit. Es gibt die „Plastikschublade“ mit Tupperzeug, die „Zettelschublade“ mit noch leeren Einkaufszetteln und einem Stift, die „Holzschublade“ mit Frühstücksbrettchen und Schneidebrettern, die „Kochschublade“ und die „Backschublade“. Daneben sieben „Schreibtischschubladen“ unbestimmten Inhalts. Ach ja, dann noch die „Gemütliche Schublade“ mit ein paar wenigen Kerzen, die „Leere Schublade“, die „Assi-Brummi-Schublade“ mit zwei Bewohnern, die ich nicht missen möchte und natürlich die „Geheime Schublade“ für die Dinge, die niemanden etwas angehen.

Auch die Sprache hat eben so etwas wie Schubladen erfunden. In der Grammatik heißen sie „Adjektive“ und „Attribute“, in der Stilistik „Vergleiche“ oder „Methaphern“. Das ist ebenfalls praktisch, lassen sich Dinge und Phänomene auf diese Weise doch einfach einordnen. So kann das Wetter gut oder schlecht, die Jacke warm oder kalt, die Vase hübsch oder hässlich und die Entscheidung richtig oder falsch sein. Zack, fertig: Alles in die jeweilige Schublade gesteckt, Klarheit gefunden, alles in bester Ordnung. Simplify your Life!

Besonders praktisch ist das im zwischenmenschlichen Bereich. Es gibt einen schier endlosen Steinbruch von Attributen, mit denen sich Menschen präzise beschreiben lassen. Männlich, weiblich, jung, alt, klein, groß, blond, brünett, dick, dünn, reich, arm, intelligent, dumm, interessant, langweilig, weltmännisch, bieder, cool, uncool, fleißig, faul, ruhig, aufbrausend, rational, emotional, unscheinbar, auffällig, angepasst, verrückt, ängstlich, mutig. Oder substantivisch formuliert: Streber, Freigeist, Vordenker, Mitläufer, Täter, Opfer, Heiliger, Sünder, Einzelgänger, Gruppenmensch, Raucher, Nichtraucher, Atheist, Fundamentalist, Freund, Feind, Deutscher, Ausländer, Partner, Ex. Dann kombiniert man einfach. Ich zum Beispiel hatte zu Schulzeiten das Etikett „Der kleine, intelligente, langweilige, uncoole, unscheinbare, ängstliche Streber und Mitläufer“. Eine Schublade mit zwar langem Namen, aber andauernder Wirkung. So wusste über Jahre jeder, mit wem er es in meinem Fall zu tun hatte. Ein geniales Prinzip. Jeder lässt sich mit einem Etikett behängen! Manch einer hat daraus gar eine wahre Kunstform entwickelt, indem er die offensichtlich als zu umständlich empfundene kombinatorische Typisierung durch Vergleiche und Metaphern umgeht: „Wie Britney Spears“ oder „Riesenbaby“ steht dann auf der Schublade. Prägnant und kurz.

Oder doch verkürzt? Erinnern wir uns an die Schubladen in unseren Wohnungen. Sind die Inhalte wirklich so eindeutig zugeordnet? Beschreibt die schlichte Benennung tatsächlich das Chaos, das sich im Inneren befindet, geschweige denn die verborgenen Fundstücke und verloren geglaubten Andenken? Umschreibt das Etikett wirklich das Universum des Menschen, dem es angeheftet wurde? Sein ungeahntes Potenzial? Seine Komplexität? Seine Integrität?

Ich habe einen Vorschlag: Nennen wir uns doch einfach beim Namen. Ich bin Thomas Bünten.

Apokalypse für Deutschland

Aachen, 15. März 2016. – Meine Kindheit war märchenhaft. Wenn Oma oder Opa oder Oma oder Opa Geschichten erzählten, dann tat sich eine wundersame Welt auf, in der es von Zauberhaftem nur so wimmelte. Es gab Feen, Hexen, Geister und Gefährten, die den Helden – je nach Erzählung die gottgläubige Mia, den treuen Karl, die starke Agnes oder den furchtlosen Hermann – auf ihren jahrelangen Abenteuern begegneten. Mystische, fantastische Namen zierten die Ortschaften, durch die sie streiften: Saxdorf, Weiperfelden, Klermong-Ferrong, Wolfsschanze. Alles war endlos spannend, aber stets mit einem guten Ausgang versehen. Gebannt horchte ich den Berichten wieder und wieder zu. Bis sie sich zu einer großen Mythologie zusammenfügten und für immer in mein Gedächtnis prägten. Ich habe heute noch jedes Detail von „Die Hebamme, die der Himmel schickte“ und „Wie zwei Griechinnen meine Tochter retteten“, von „Im Güterzug nach Frankreich“ und „Das Glück des Grubenunglücks“ vor Augen. So deutlich, dass ich vor dreieinhalb Jahren ziemlich baff war, als ich, angekommen an einem der Originalschauplätze, feststellen musste, dass es dort genauso aussieht – exakt so, kein Scherz – wie in meiner kindlichen Vorstellung. Und das, obwohl ich nie ein Foto gesehen hatte.

Aber wie das mit Märchen so ist, irgendwann glaubt man nicht mehr an sie. Man hinterfragt. Man zweifelt. Spätestens als ich den Titel dieser Märchensammlung in Erfahrung brachte, dämmerte mir eine Verdrängung der wahren Ereignisse, die den Erzählungen tatsächlich zu Grunde lagen: „Der Zweite Weltkrieg“. Verzerrter als meine Märchenwelt konnte eine Darstellung dieser Zeit wohl kaum sein!

Doch langsam, ganz langsam dämmerte es mir erneut. Ich erkannte in den Sagen meiner Großeltern nach und nach Fabeln, die dechiffriert werden mussten: Gleichnisse für ihre unmenschliche Pein, ihre extreme Todesangst, ihre rasende Verzweiflung, ihre unerträgliche Marter, ihre ständige Ungewissheit, ihre unbändige Sorge, ihre ungeheure Verzweiflung, ihren sinkenden Lebensmut, ihre elende Armut, ihre existenziellen Nöte, ihr würdeloses Vegetieren und für die endzeitlichen Ausmaße. Und ich erkannte eine Kompensation. Sie haben mir das wenig Schöne erzählt, das es gab; sie haben sich an diese winzigen Details geklammert, ihr Leben lang. Vielleicht um sich selbst zu erlösen von den Schrecken der Vergangenheit, zum Teil wahrscheinlich auch von ihrer Schuld. Vielleicht um mir Hoffnung zu geben.

Ja, sie haben alle den Krieg überlebt. Und irgendwie weitergelebt. Mit ihren Wunden. Mit ihren Narben. Manche sind nie verheilt.

Lassen wir es nie wieder zu. Nirgendwo.

Ich brauche nur Zahnpasta

Aachen, 13. März 2016. – Seit gestern fahre ich wieder Fahrrad. Ab heute blogge ich wieder. Der eine oder andere wird sich an “Aachzig” erinnern. Von November 2011 bis Januar 2012 habe ich beinah täglich von meinen Reisen zwischen Aachen und Leipzig, den äußeren wie den inneren, berichtet – mit ein paar wenigen Nachklängen in den Folgemonaten.

Was zunächst als Reisetagebuch gedacht war, entwickelte sich damals schnell zu einer Experimentierfläche fürs Querdenken, Probieren. Fürs Kombinieren von Erlebnissen mit meinen Erfahrungen und Gedanken. Manchmal anekdotisch, manchmal nachdenklich, mal lyrisch, mal essayistisch, vielleicht irritierend, vielleicht banal. Egal. Immer subjektiv. Oft die Realität fiktional aufladend. Meist die Gedanken beim Schreiben verfertigend.

Kompensierend, dachte ich. Inspirierend, sagten viele.

“Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält” – so ist mein neues Blog untertitelt. Solche die Welt für mich erklärenden Bretter will ich fortan zusammennageln: Nach einer langen Zeit des öffentlichen Schweigens will ich auf weltenbretter.de wieder Raum für verschriftete Beobachtungen, Verwerfungen, Thesen, Versuche schaffen – und nutzen. Für mich selbst. Und für euch. Als spiegelnder Standpunkt. Als anregender Ausgangspunkt. Als ganz persönliche Perspektive auf die Welt.

Nicht jeder benötigt dafür ein Blog. Klar. Erst gestern wurde ich Zeuge eines Gesprächsfetzens am Elisengarten. Wie sagte doch der ältere Herr zu seiner Frau so abgeklärt: “Ich brauche nur Zahnpasta!” – “Kriegste, kriegste”, antwortete sie. So einfach kann’s gehen. Doch in meinem Fall …

PS: Ich schwinge mich jetzt aufs Rad 😉

PPS: Die “alten” Blogeinträge aus aachzig.de sind zum Nachlesen hier auf weltenbretter.de konserviert.

 

Warum es okay ist, dass Herrmann keinen Verkehr haben will

Aachen. – So. Theaterpause zu Ende. Spielzeit geht los. Vorbericht schreiben. Zum Schauspielauftakt in der Kammer gibt’s zeitgenössische Theateravantgarde: Die Präsidentinnen. Eins von Werner Schwabs Fäkaliendramen. Fäkaliendrama?! Scheiße, ey, – oder um mit Erna (Bettina Scheuritzel), zu sprechen: man kann ja auch Haufi sagen oder Stuhl – wenn das mal nichts für unser kleines Subkulturfeuilleton ist!

Also Website vom Theater Aachen auf: „Ein katholisches Kaffeekränzchen, ein schreiend komischer Ritt durch die Abgründe der Biederkeit“, usw. usf. Hä? Wo sind sie hin, die Exkremente? Ah: weiter unten. „Ein Griff ins Klo, wie er bis dahin ungedacht war […], großartig, bösartig, übertrieben.“ Grandios! Wenn’s denn die Inszenierung von Roland Hüwe mit dieser Ambition aufnimmt! Denn so leicht macht’s einem der Autor nicht. Es ist – so denken wir – bei der Erarbeitung durchaus anzuraten, es Mariedl (Nadine Kiesewalter) gleichzutun, von der die Leute wissen, dass sie „keine Gummihandschuhe annimmt, wenn sie hinuntergreift in den Abort“.

Will sagen: Schonungslos sollte es schon sein. Sonst werden wir es: schonungslos. Denn wie sagt doch gleich Grete (Elisabeth Ebeling)? „Immer tust du alles bekritteln, immer tust du alles kritisieren, […] und dann wunderst du dich, dass der Herrmann keinen Verkehr haben will.“ Auch wenn’s für uns Postmoderne voll okay ist, dass jemand heutzutage keinen GV mehr haben WILL: Wir fühlen uns geradezu direkt angesprochen! Ja, wir werden alles bekritteln, wir werden alles kritisieren, wenn – aber wirklich nur: wenn – es denn eine Notwendigkeit hat, um es einmal schwabisch auszudrücken.

Und wenn nicht? Dann werden wir’s hypen und uns freuen, dass der Herrmann nun doch endlich einen Verkehr haben KANN. Was nämlich auch wieder okay wäre: Denn laut Schwab handelt das Stück ja davon „dass nichts Funktion sein will, nur Zerstreuung.“

In diesem Sinne: Auf eine spannende Spielzeit. Wir sehen uns bei der Premiere. Ich geh mir jetzt die Hände waschen.

DIE PRÄSIDENTINNEN
THEATER AACHEN – KAMMER
INSZENIERUNG ROLAND HÜWE
MIT ELISABETH EBELING, BETTINA SCHEURITZEL, NADINE KIESEWALTER
PREMIERE 21. SEPTEMBER

(veröffentlicht in Moviebeta 9/2012)

Wenn ich mir etwas wünschen könnte

Aachen. – In den Spielplänen springen einem zurzeit Drachen, Drachen und nochmals Drachen entgegen; Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ ist einfach omnipräsent – und läuft gleich an drei hiesigen Häusern: im Theater Aachen, im Kölner Theater im Bauturm und im Theater Krefeld und Mönchengladbach. Eine Reminiszenz an das Jahr des Drachen, das im chinesischen Kalender seit dem 23. Januar läuft? Oder wollten einfach alle das mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete Stück des Jahres 2010 so schnell wie möglich auf die eigenen Bretter holen?

Unterstellen wir einmal Letzteres. Denn das Stück ist wirklich, wirklich gut! 48 knappe Szenen mit 17 Figuren, gespielt von fünf Schauspielern – oft „gegen den Strich“ besetzt: Alte spielen Junge, Frauen spielen Männer und vice versa. Ort der Handlung ist das Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“ und dessen Großstadtnachbarschaft. Es geht um die verzweifelte Situation von Einwanderer ohne Papiere, um Zwangsprostitution, Unterdrückung, Vergewaltigung, rohe Gewalt. Den Raum für die Drastik geben die vermeintliche Leichtigkeit des ausgetüftelten Texts, die aberwitzigen Szenenwechsel, die kongeniale Integration der Fabel von der Grille und der Ameise sowie surreale Absurditäten. Es ist, wie es in einem der Programmhefte richtig heißt „ein Drama der Globalisierung. Der ganz große Bogen, millimetergenau geschrieben.“

Auf wie viele Millimeter kommen nun die drei Inszenierungen an die Vorlage heran? Ich habe mir alle drei angesehen und wage nun den Vergleich.

Die Anfangssequenz

In Gladbach legt Gregor Schwellenbach einen sphärischen Klangteppich live an E-Bass und Mischpult aus. Gleichzeitig mit diesem Stilelement führt Regisseur Hüseyin Michael Cirpici die Hauptfigur ein, die anfänglich unentwegt Bonbons verputzt. „Der Kleine“ aus dem Asia-Imbiss sucht ohne Aufenthaltsgenehmigung in der Fremde seine verlorene Schwester und wird von wahnsinnigen Zahnschmerzen geplagt, die ihm im Stückverlauf – nach brutal gezogenem Zahn – den Tod durch Verbluten bringt. Damit ist der Start zwar kausal der nächstliegende (Bonbons = Karies = Aua), alles in allem aber eben auch der banalste.

Ewa Teilmans spannt in einem melancholischen Prolog ihrer Aachener Interpretation einen stimmungsvollen Bogen zur Schlusssequenz: Die von zwei Jungs vor einem Wasserlauf intonierte chinesische Volksweise bereitet die Traurigkeit vor, die der tote Asiate am Stückende während einer traumhaften Reise zurück nach China versprüht.

Ganz anders im Bauturm: Rüdiger Pape lässt die fünf Protagonisten nacheinander unvermittelt auf der Hinterbühne auftauchen, noch in der Vorbereitung, noch nicht in irgendeiner Stückrolle: Sie sortieren ihre Requisiten, kleiden sich an. Ihre Privatgespräche sind ein Vorgriff auf die vielen in den Text eingestreuten und mitzuspielenden Regieanweisungen. Ein lockerer Einstieg ins Stück, der Spaß macht und Neugier erzeugt. Trotz der Ästhetik in Aachen ein knapper Punktsieg für die Kölner!

Das Bühnenbild

Die Kölner Inszenierung – von der Theaterzeitschrift aKT als Monatsbeste prämiert – spielt in einer höhlenartigen dunklen grünen Unterwelt. An einem wirren Gestänge hängen jede Menge Woks, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Trommelstöcken zum Klingen gebracht werden. Atmosphärisch durchaus gelungen, doch fehlt ein handfester inhaltlicher Anknüpfungspunkt.

Eine große Glasscheibe bildet Gladbachs Bühnenfront, hinter der sich – fürs Publikum zum Greifen nah und gleichzeitig doch fern – die Szenen in verschiedenen Lichtstimmungen abspielen. Eigentlich ein stimmiges Bild, spielen sich solche Schicksale doch mitten unter uns ab, meist ohne dass wir es ahnen. Aber diese Distanz wird durch einen (gewollten?) Hörspieleffekt – neben der Sounduntermalung wird ausschließlich über Mikros gesprochen – für den Zuschauer beinahe unüberbrückbar.

Aachens Bühnenraum, hingegen, ist ein riesengroßes weißes Nichts, in das die Figuren ganz wie die zu einem großen Berg angehäuften Reissäcke hineingeworfen scheinen. Dieses Nirgendwo illustriert deren Haltlosigkeit am besten, verschafft selbst im Großen Haus eine radikale Nähe zu den Protagonisten und nimmt zudem die Schauspieler ungemein in die Pflicht.

Das Schauspiel

Die freie Truppe aus dem Bauturm spielt mit großer Verve. Am deutlichsten tritt das zutage, wenn sie die zum Text gehörenden Regieanweisungen interpretiert als Probensituationen mit Verbesserungsvorschlägen von Schauspieler zu Schauspieler – sozusagen „echte“ Regieanweisungen. Im sonstigen Spiel herrschen allerdings zu oft persiflierende oder pathetische Momente vor. Auch fallen die männlichen Darsteller ein wenig hinter den weiblichen ab. Mittelscharf!

Um einiges ausgewogener das Ensemble vom Niederrhein. Das Tempo ist hier am höchsten, Szenen- und Rollenwechsel gelingen präzise und auf den Punkt. Die Regieanweisungen aus der Textvorlage werden hier vor allem als kommentierendes Mittel eingesetzt. Dadurch erhalten die Schauspieler eine zusätzliche Steilvorlage und das Publikum eine wertvolle zweite Interpretationsebene. Zum ganz großen Schauspiel fehlen, auch weil der Grille eine Mimik versteckende Maske übergestülpt wird, dennoch ein paar Scoville. Scharf!

Und Aachen? Ja, was soll ich sagen? Die wahrscheinlich intensivste Ensembleleistung seit Feuergesicht (Spielzeit 2000/2001)! Vielleicht liegt es daran, dass hier die Altersdiskrepanz der Schauspieler am größten ist. Elisabeth Ebeling als Ameise: Paraderolle. Elisabeth Ebeling und Rainer Krause als junges Paar: Oberhammer. Rainer Krause und Björn Jacobsen als Stewardessen: endgeil. Björn Jacobsen als Frau im roten Kleid: rattenscharf. Felix Strüven als alter Mann: grandios. Als Grille: überirdisch. Und Ensemblegast Nele Swanton in allen Rollen: Wahnsinn. Die Regieanweisungen sagen die Figuren meist – kurze Pause – zu sich selbst, was tiefe Einblicke in die Rollen – kurze Pause – in die Rollenpsyche ermöglicht. Durch diesen winzigen Kniff gelingt den Aachenern etwas, das den anderen fehlt: eine perfekte ironische Distanz zu den eigenen Rollen. Ohne Einschränkung: Extrascharf!

Der Mut zur Drastik

Gewaltszenen sind nicht jedes Zuschauers Sache. Dennoch gehören sie zum Stück. Offensichtlich eine Herausforderung bei der Umsetzung. Wo in Köln nur metaphorische Andeutungen zu sehen sind (ein rotes Geschenkband stellt das viele Blut dar, die Grille wird durch ins Kostüm gesteckte Stöcke getötet), steht in Gladbach ein großer Becher blutroten Safts offen auf der Bühne, aus dem vom jungen Asiaten bei Bedarf ein kräftiger Schluck genommen wird. Leider wird hier der Tod der Grille komplett weginszeniert, der Fokus der Zuschauerblicke liegt ganz woanders, da ist sie unvermittelt blutüberströmt. Klarer – aber eben auch brutaler – wird’s in Aachen, allem voran bei der heftigen Vergewaltigungsszene mit einer nach dem Akt blutbeschmierten Klobürste. Ja, einige werden sich ob dieser Drastik angeekelt weggedreht haben. Aber ihnen sei gesagt: Die Wirklichkeit ist noch viel brutaler.

Alsdann, schreiten wir zur Preisverleihung! Lohnend sind alle Aufführungen. Aber „Der Goldene Drache“ für die beste Gesamtleistung geht – trotz einiger ermüdender Längen am Ende – letztlich eindeutig an das Theater Aachen. Für diejenigen, die nun vermuten, dieses Urteil sei mit der PR-Abteilung des Stadttheaters abgesprochen, und die mich deshalb als (korruptes) Schwein titulieren, zitiere ich um der Wahrheit willen aus dem chinesischen Horoskop (dort bin ich tatsächlich ein Schwein): “Die gutmütigen, hilfsbereiten und liebenswerte Schweine streben nach Harmonie und haben ein Herz aus Gold. Sie können einfach nicht lügen und sind darum absolut vertrauenswürdig!”

Eins noch. In Anlehnung an ein Zitat des alten Mannes: Wenn ICH mir etwas wünschen könnte, dann: Bitte, liebes Theater Aachen, engagiert Nele Swanton. Sofort! 

DER GOLDENE DRACHE

THEATER AACHEN, BÜHNE
INSZENIERUNG EWA TEILMANS
WEITERE TERMINE 10./20./23./30. JUNI, 4./6./12. JULI

THEATER KREFELD UND MÖNCHENGLADBACH, RHEYDT
INSZENIERUNG HÜSEYIN MICHAEL CIRPICI
WEITERE TERMINE 9. JUNI, 4. JULI

THEATER IM BAUTURM, KÖLN
INSZENIERUNG RÜDIGER PAPE
WEITERE TERMINE 15./16. JUNI

(veröffentlicht in Moviebeta 6/2012)

Fritz-Walter-Wetter

Leipzig. – Gegen 23 Uhr stapfe ich klitschenass gefühlte 150 Stufen eines altehrwürdigen Leipziger Treppenhauses (Vorsicht, gebohnert) hoch. Und wenn ich schreibe klitschenass, dann meine ich klitscheklatschenass, was so viel hießt wie triefendnass, also so nass als zöge man unter der Dusche stehend Kleidung an, die ohne Schleudergang direkt aus der Waschmaschine kommt. Also in etwa so nass, wie man sich fühlt, wenn man in voller Montur mitten auf dem Hangeweiher einen Tauchgang unternimmt. Hypernass, nenne ich diesen Zustand ab jetzt.

Doch der Reihe nach. Gestern war Urlaubsauftakt. Ich fahre zum Länderspiel Deutschland-Israel nach Leipzig. Ich kenne Leipzig aus dem sonnigen Herbst, dem immerdunklen Winter und dem schwülen Frühling. Doch heute präsentiert sich meine Heimat 2.0 von einer ganz anderen Seite. (Sicher, auch im Winter hatte es mal geregnet. Kenne ich ja aus Aachen. Ich bin nicht aus Zucker. Und schlechtes Wetter gibt es nicht, nur unpassende Kleidung. 6 Euro ins Phrasenschwein, geschenkt.) Und ausgerechnet diesmal bin ich mit Fahrrad unterwegs.

Das kam so: Morgens verschlafen, 1. Zug verpasst. Aufstehen, Kaffee. 2. Zug verpasst. Dann Anruf aus dem Büro – “Server streikt, wir brauchen das Backup”. Schnell duschen, danach konspirative Übergabe im Treppenhaus meines Aachener Basislagers. Noch ein Kaffee. Los. Schnell. Wenigstens den 3. Zug kriegen. Der hat 25 Minuten Verspätung. Begründung: Verspätete Bereitstellung. Ja, so fühle ich mich auch.

In Köln verpasse ich den Anschluss. Nehme deshalb den ICE International, in dem der Zugbegleiter alles viersprachig sagt. So bekomme ich viermal mit, dass in Frankfurt (M) Flughafen Fernbahnhof alle vorgesehenen Anschlüsse erreicht werden. Ich habe eine Minute, um den ICE nach Leipzig zu bekommen, kein Problem, ist ja am Gleis gegenüber. Im Netz erfahre ich jedoch, dass dieser ICE heute über den Regionalbahnhof umgeleitet wird – und dort gar nicht hält. Bleibe ich halt sitzen und steige am Hauptbahnhof um. Doch der ICE  International macht erst einmal keine Anstalten weiterzufahren. Nach acht endlosen Minuten setzt er sich in Bewegung. Am Hauptbahnhof ist die Leipzig-Connection vor zehn Minuten abgefahren. Plan B also. Oder ist es schon Plan D? Mit der S-Bahn durch die Frankfurter Unterwelt bis Frankfurt (M) Süd. Dort in der Eingangshalle die türkisen Wandkacheln bewundert, dann Warten auf einen IC nach Leipzig. Der kommt pünktlich um 14:22. Eigentlich wollte ich um 14:46 in Leipzig sein. Also eine SMS an meine Gastgeber. Ich komme erst um 18:15 an. Damit’s nachher schnell geht, soll ich mir am Hauptbahnhof ein Fahrrad mieten. Mach’ ich. Am Wilhelm-Leuschner-Platz fängt’s an mit den vielen Wassertropfen vom Himmel: Bis zur Südvorstadt bin ich schon einmal ziemlich angenässt. Bei meinen Gastgebern angekommen, überlegen wir noch, ob wir uns doch ein Taxi nehmen. Nee. Zuerst ist besetzt, dann klart der Himmel ein wenig auf. Wir radeln also einigermaßen trocken zum Stadion, klettern den Zentralstadionwall einmal rauf, dann wieder runter und betreten die wie ein Osterei in die ehemalig Betonschüssel gelegte RedBullArena, holen noch eine Bulette und zwei Bratwürste, erklimmen die steile Tribüne, finden unsere Plätze, wollen uns setzen. “Bitte erheben sie sich für die Nationalhymnen”, ertönt es aus dem Lautsprecher. Pünktlicher geht’s wohl nicht.

Das Spiel plätschert ein wenig dahin. Passend zum mittlerweile wieder begonnenen Regen. Dauerregen. Fritz-Walter-Wetter. Die Jungs da unten interessiert das wenig. In der ersten Hälfte bleiben alle brav auf ihren Positionen. Etwas statisch das Ganze. Mario Chancentod macht dennoch ein Tor. Es ist halt eine Frage der Wahrscheinlichkeit: Irgendwann geht ein Abpraller auch mal in die richtige Richtung. Zweite Halbzeit läuft besser, mehr Bewegung, mehr Forechecking. Özil zieht häufiger rechts rüber, die ersten Anzeichen von einem variablen System sind erkennbar. Reus übernimmt Müllers Position, Schürrle Podolskis. Nahtlos. Das wird schon. Heute heißt es “glanzloser Sieg”. Wenn wir aber genau so gegen Portugal spielen, wird es in den Analysen heißen “souverän gewonnen”.

Souverän gewonnen hat auch der Regen. Der hat sich echt durchgesetzt. Und wie. Auf dem Nachhauseweg am Elsterwehr entlang hat er sich eingespielt. Im Clara-Zetkin-Park wächst er über sich hinaus und liefert eine Leistung ab, die man selten gesehen hat. Genial sein überfallartiges Anschwillen, hervorragend das intuitive Zusammenspiel mit dem Wind, messerscharf die Tropfenstafetten von den Bäumen, Weltklasse das Ausnutzen der gegnerischen Schwächen. Namentlich seien hier die Fahrradreifen genannt, die sich in den Pfützen nur so verliefen und so manches Eigentor fabrizierten. Selten ist eine Mannschaft so nassgemacht worden! 

So, heute zweiter Tag: Ich schlüpfe gleich in meine mittlerweile hoffentlich schon bügelfeuchte Jeans, schwinge mich aufs wahrscheinlich über Nacht verrostete Nextbike und erkunde einmal mehr Leipzig, die Stadt im Wasser.

32 Tage blaumachen

Aachen. – Als Selbständiger so richtig Urlaub zu machen, ist selten. Sehr selten. Warum eigentlich? Das muss sich ändern! Ich wage also die Probe aufs Exempel und mache einfach mal blau! 32 Tage lang. Okay: Ich checke täglich meine E-Mails, stehe für ein paar Projekte auch unterwegs parat. Bin auf stand-by für Kompagnon und Mitarbeiter. Gehe zwischendurch einmal (aber wirklich nur einmal) in die Agentur, um meine Lieblingstexte (Rechnungen) zu schreiben. ABER: Ansonsten bin ich dann weg. Mal. Bis Anfang Juli. 32 Tage lang. (Ein Kunde meinte: “Da hast du mir was voraus!” – Freusmilie).

Ich mache Interrail in Deutschland, genieße die Bahncard100 in vollen Zügen (obwohl: so voll sind die gar nicht!), besuche Freunde und Unbekannte, schlafe in Hostels, unter Zelten und auf fremden Couchen (lieber Duden, du kannst mich für die kommenden vier Wochen mal) oder zu Hause im Bett – wenn ich mal zum Waschen da bin.

Es geht nach Marburg (warum auch immer), Gelsenkirchen (wenn’s klappt: unglaubliche Story), Hamburg (okay, ein Kunde), zwischendurch nach Stolberg (zum Proben und zu einer Hochzeit), nach Augsburg (jeder sollte einmal reisen in das schönes Lummerland!), nach Glückstadt (hach!), nach Frankfurt am Main (zu einer Messe), ins Lommerzheim (auf ein Kotelette), nach Poll (zu meinem Bruder), vielleicht nach München. Und nach Leipzig. Natürlich. Morgen schon, wohin sonst?

Und ein paar Überraschungsbesuche gibt es auch. Bei Ali, dem Antipastipassionisten in der Viktoriastraße war ich eben schon … (heute gelernt: vor den drei Pünktchen einen Leerschritt setzen, wenn der Satz – nicht das Wort – unvollendet bleibt. Man lernt nie aus!)

Ich halte euch auf dem Laufenden.